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Zeit Online, 23. September 2009
Aus dem Hörsaal in die Diktatur
Von Malte E. Kollenberg

Sarah Kohls hat Ostasienwissenschaften studiert. Ihr erster Job führte sie in das abgeschottetste Land der Welt: Sie arbeitet als Projektmanagerin in Nordkorea.

Flughafen Peking: Gerade hat Sarah Kohls ihren Koffer am Check-in der nordkoreanischen Fluggesellschaft Air Koryo aufgegeben. In einer Stunde wird sie in den Flieger nach Pjöngjang steigen. In das abgeschottetste Land der Welt zu reisen ist für Sarah ganz normal. Ihr erster Job nach dem Studium hat sie seit Juni 2008 schon sechs mal nach Nordkorea geführt. Die 28-Jährige arbeitet für die Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) in Südkorea als Projektmanagerin. Von Seoul aus organisiert sie Workshops und Tagungen im kommunistischen Nachbarland.

   Studiert hat sie Ostasienwissenschaften mit Schwerpunkt Japan an der Universität Duisburg-Essen. Während des Studiums war sie ein Jahr in Japan. "Das hat mir super gut gefallen", sagt sie. Für Sarah war klar, dass sie weitere asiatische Länder kennen lernen möchte. Korea stand ganz oben auf der Wunschliste. "Nach dem Studium habe ich mich für ein Stipendium beworben, bin dort angenommen worden, habe einen Sprachkurs gemacht und ein Praktikum bei der Hanns-Seidel-Stiftung." Nach dem Praktikum wurde sie übernommen. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet sie nun schon im HSS-Büro in Seoul und seit einem Jahr hin und wieder in Nordkorea. Ein Büro in Pjöngjang zu unterhalten wäre zu teuer, das Kim Jong Il Regime verlangt dafür viel Geld: eine Million Euro pro Mitarbeiter. Das kann die Hanns-Seidel-Stiftung nicht leisten.

   Von Seoul aus gibt es keine Verbindung nach Pjöngjang. Die Einreise ist nur über China möglich. "Wir verbringen zwei Tage in Peking, gehen dort zur nordkoreanischen Botschaft und holen unser Visum ab", erzählt Sarah von einer typischen Reise. Danach geht es zum Büro der Air Koryo um das Flugticket abzuholen. Visum und Flugticket, alles muss sofort bar bezahlt werden.
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   Die Wiederannäherung der beiden Koreas sei das Ziel der Stiftungsarbeit, erklärt Sarah. In Nordkorea müssen die Stiftungsmitarbeiter damit vorsichtig sein, "weil Nordkorea nichts mit Wiedervereinigung im deutschen Sinne zu tun haben will", sagt sie. "Die wollen natürlich nicht geschluckt werden." Deshalb werde im Norden in erster Linie "Capacity Building" betrieben. Auf Deutsch heißt das: Seminare zu Themen wie Außenhandel, Forst- oder Agrarwirtschaft.

   In Nordkorea fehlt der Zugang zu Wissen. Es gibt kein Internet, es gibt nur veraltete Bücher und richtige Lehrbücher sucht man oft vergeblich. Zum Seminar bringen Sarah und ihre Kollegen deshalb einen Experten aus Europa mit, meistens aus Deutschland. Rund 30, manchmal auch doppelt so viele Nordkoreaner lauschen dann gespannt den Vorträgen. "Die Nordkoreaner, mit denen wir zu tun haben, sind alle hoch angesiedelt in der Regierung", berichtet Sarah. Sie sprechen sehr gutes Englisch, oft sogar gutes Deutsch. Fast alle arbeiten in der Europaabteilung des Außenwirtschaftsministerium.

   "Diese Leute sind teilweise knallhart, haben immer ein Pokerface drauf und man weiß nie, was sie wollen." Verhandlungen seien sehr schwierig, erzählt Sarah. Hinzu kommt oft totale Ahnungslosigkeit. Sarah ist entsetzt: "Die kennen nicht einmal Textilquoten, die sie für Europa haben und nutzen diese demnach auch nicht aus." Bei einigen Seminarteilnehmern merke sie deshalb die Begeisterung über den Experten aus dem Ausland. "Manche sind wissbegierig und glücklich, dass sie teilnehmen dürfen, an so einem Seminar."

   Die Aufenthalte im Norden sind kurz, aber nervenaufreibend. Zwischen fünf und zehn Tage dauert eine Reise. In dieser Zeit besteht so gut wie kein Kontakt zur Außenwelt. Handys und internetfähige Laptops müssen bei der Einreise abgegeben werden. Im Land werden die Stiftungsmitarbeiter aus Deutschland rund um die Uhr bewacht. Kein Schritt wird unbeobachtet getan. "Wir dürfen nicht mit der U-Bahn fahren, wir dürfen nicht mit dem Bus fahren, wir dürfen gar nichts. Aber wir lassen uns nicht alles gefallen", sagt Sarah genervt. Einmal hätten sie und ihre Kollegen versucht mit dem Taxi zum Restaurant zu gelangen. Ohne Erfolg. "Wir haben ewig diskutiert." Am Ende sagten die Nordkoreaner immer dasselbe: "Mit Deutschland kann man unser Land nicht vergleichen, hier ist das nicht so."

   Zurück am Pekinger Flughafen: Endlich hat das Boarding begonnen. In zwei Stunden wird Sarahs Flieger in Nordkorea landen. Zum siebten Mal wird Sie am Sunan Flughafen in Pjöngjang aus dem Flugzeug steigen. Wie immer werden die Mitarbeiter der Hanns-Seidel-Stiftung von ihren nordkoreanischen Betreuern abgeholt werden. Und wieder wird Sarah miterleben, was es heißt, im abgeschottetsten Land der Welt zu sein.


FTD
23. September 2009



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