Der
Spiegel,
19. Oktober 2009, Seite 33
Diener zweier Herren
Von Sven Becker und Julian Heißler
Bei
der jüngsten Wahl sind wieder zahlreiche Lobbyisten in den Bundestag
eingezogen. Experten fordern eine bessere Kontrolle der
Interessenvertreter.
Wenn Axel
Knoerig demnächst zur Arbeit fährt, wird sich seine Route kaum
verändern, obwohl er einen neuen Job hat. Wie immer steuert der
Marketingfachmann dann das Berliner Regierungsviertel an und betritt
ein Büro unweit des Spreebogens. Nur Knoerigs Anschrift ist neu. Bis
vor ein paar Wochen residierte er in der opulenten
Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom in der Französischen
Straße. Sein neuer Arbeitsplatz liegt nur ein paar Gehminuten entfernt:
Deutscher Bundestag, Platz der Republik 1, Berlin.
Vor dem 27. September hat Knoerig als Lobbyist für die Telekom
gearbeitet. „Wir waren die Schnittstelle in die Politik hinein, zu
Behörden, Botschaften und Ministerien.“ Er und seine Kollegen hätten
die Telekom im Regierungsviertel dargestellt. Jetzt, als
CDU-Abgeordneter, peilt Knoerig den Ausschuss für Wirtschaft und
Technologie an, jenes Gremium, das sich auch um die Belange der Telekom
kümmert. „Schließlich komme ich ja aus der Industrie“, sagt Knoerig.
Die neue Karriere des früheren Telekom- Angestellten wirft ein
Licht auf die zweifelhaften Regeln, nach denen es hierzulande möglich
ist, Mandat und Interessenvertretung zu vermischen. Eigentlich sollten
Parlamentarier dem Volk dienen, doch bei der Wahl haben wieder zig
Lobbyisten den Einzug geschafft. In Aachen verlor Gesundheitsministerin
Ulla Schmidt (SPD) ihr Direktmandat ausgerechnet an den Ärztefunktionär
Rudolf Henke (CDU).
Henke ist seit 1995
Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer und seit 2007 Chef des
Marburger Bundes – beide Organisationen machen kräftig Stimmung für die
Ärzteschaft. Juristisch ist dagegen wenig einzuwenden. Parlamentarier
dürfen laut Abgeordnetengesetz nebenbei für Interessenvertretungen
arbeiten. Seit 2005 müssen sie zwar ihre Nebeneinkünfte
veröffentlichen. Wie viel die Politiker genau verdienen, brauchen sie
jedoch nicht anzugeben. Das ist inakzeptabel, meint Heidi Klein,
Vorstandsmitglied beim Anti-Korruptions-Verband Lobby Control. Sie
fordert eine exakte Gehaltsangabe und langfristig eine klare Trennung
von Interessen- und Volksvertretung. „Abgeordnete dürfen nicht
gleichzeitig Lobbyisten sein“, sagt Klein.
Schon
vor der Wahl sorgten verschwiegene Nebentätigkeiten immer wieder für
Schlagzeilen. Der SPD-Abgeordnete Johannes Kahrs verheimlichte seine
Arbeit für den Förderkreis Deutsches Heer. Und Ex-Umweltminister Jürgen
Trittin (Die Grünen) verzichtete darauf, seine Mitgliedschaft im
Kuratorium der Stiftung Initiative Mehrweg zu veröffentlichen. Für mehr
Transparenz würde ein verpflichtendes Lobbyistenregister sorgen, in dem
alle Interessenvertreter verzeichnet wären. In der vergangenen
Legislaturperiode scheiterte die Bundestagsfraktion der Grünen jedoch
mit einem entsprechenden Antrag. Jetzt stehen die Chancen nicht besser:
Die Union lehnt es ab, ein entsprechendes Verzeichnis einzuführen.
Wie leicht es ist, zwischen Lobby und Plenarsaal hin- und
herzuwandern, zeigt auch die Karriere von Helga Daub. 2002 zog die
FDP-Politikerin in den Bundestag ein und saß im Verteidigungsausschuss.
2005 verpasste sie die Wiederwahl. Doch die gelernte Hotelkauffrau fiel
weich. 2007 übernahm sie die Geschäftsführung des Forums Luft- und
Raumfahrt. Der Verein vertritt Waffenschmieden wie Diehl oder MTU.
Zu Daubs Aufgaben gehörte die „enge Zusammenarbeit“ mit der
Parlamentsgruppe Luft- und Raumfahrt, einem Zusammenschluss von 232
aktiven und 73 ehemaligen Abgeordneten, die sich für die Belange der
Industrie einsetzen. „Aus meiner Sicht fördert die Arbeit der Gruppe
Rüstungsexporte“, sagt MathiasnJohn, Waffenexperte der
Menschenrechtsorganisation Amnesty International.
Die gute Zusammenarbeit zwischen Parlamentsgruppe und Forum
könnte demnächst noch intensiver werden. Denn Helga Daub, die
Geschäftsführerin, hat am 27. September wieder ein Mandat errungen.
Ihrer Branche möchte sie weiter treu bleiben. „Der
Verteidigungsausschuss würde mir schon Spaß machen“, sagt sie. Für den
Fall, dass es klappt, wolle sie den Posten im Verband jedoch aufgeben.
Auch Ex-Telekom-Lobbyist Axel Knoerig von der CDU will
Interessenkonflikte vermeiden. „Meine Arbeit bei der Telekom werde ich
ruhen lassen“, sagt Knoerig. Das Unternehmen habe da Richtlinien. Doch
Sorgen um die Zukunft muss sich der 42-Jährige nicht machen: Falls er
2013 aus dem Bundestag rausfliege, stehe die Tür zur Telekom wieder
offen.

19. Oktober 2009